1. Tausend Jahre Kirchdorf mit eigener Gerichtsbarkeit: 947-1853


Das weite Land an Rhein, Ruhr und Emscher ist im 9. Jahrhundert n. C. noch dünn besiedelt.
Die Flüsse winden sich in ungezählten Bögen durch die Talauen, häufig teilen sie sich in mehrere Arme.
Bei Hochwasser durchbrechen sie dort, wo sie sich selbst den Weg verlegt haben, die Ufer und waschen sich neue Betten aus.
Von den Ufern zieht sich feuchtes Land hin bis zum Rand der Niederterrasse.
Dort beginnt das hochwasserfreie Gebiet, das sechs bis sieben Meter über die Talaue ansteigt.
Beeck ist eine Gründung auf einer sandigen Niederterrasse im Mündungsbereich des Beeckbachs (“Bachbach”) in die Emscher (“Ömsch, Emster, Emster, Alte Emscher”).
Dieser Bach “Beeck” = Bach (niederdt.) hat dem Ort seinen Namen gegeben.
Hier im Emscherbruch mit seinen urwaldartigen Laubwäldern (u.a. Eichen, Buchen, Weiden, Erlen)
finden fränkische Nomaden günstige Voraussetzungen zum sesshaften Leben,
es bildet sich eine Bauernschaft, die Schweine-, Pferde-, Rinderzucht, Jagd, Ackerbau
auf den gerodeten Waldflächen und Fischfang betreibt.
Bodenfunde belegen, dass um 700 n. C. und auch schon etwas früher auf dem fränkischen Friedhof
(heute ungefähr evangelischer Gemeindefriedhof Lange Kamp), etwa 400 Meter östlich des Oberhofes,
Bestattungen stattfinden. Die Siedlung, aus der die Toten begraben werden,
kann nur der (Sattel-, Ober-) Hof “Beki” sein.
Der Oberhof liegt wie eine Insel im Meer des Waldes. Von hier aus werden weitere Höfe angelegt.
Sicher gibt es schon lange kleine Bauernschaften, wo ein paar Nachbarn nicht weit voneinander gesiedelt haben,
so dass sie sich in der Not gegenseitig helfen können.
Dörfer gibt es noch nicht; auf dem Oberhof wird Gottesdienst gefeiert und Gericht gehalten;
dorthin müssen die Abgaben gebracht werden. Der Hof, das Land und die Hörigen, die es bearbeiten, gehören dem König.
Er kann den Hof an seine Gefolgsleute oder an Klöster verleihen oder verschenken – mit allem, was darauf lebt.
Am 15. Januar 947 bestätigt Otto der Große urkundlich, dass seine Vorfahren den Hof dem Stift Essen geschenkt und ihm auch die Gerichtsbarkeit übertragen haben, zuvor gehört er der Abtei Werden an. Dieser Hof ist ein Besitz mit Äckern und Wiesen.
Dazu gehören über 30 andere Höfe und Kotten, und von 130 Grundstücken in der weiteren Umgebung stehen den Vögten,
die von der Äbtissin von Essen als Verwalter und Richter einsetzt, Abgaben zu.
Außer dem Hof Beeck gehört dem Stift Essen auch der Lehnhof.
Die aus der Vogtei rührende höhere Gerichtsbarkeit geht offenbar schon im 12. Jahrhundert
an das Beecker öffentliche Gericht über. Wenn der Grafentitel auch bereits geschwunden war,
so war doch die Gerichtsbarkeit bei den Familien geblieben,
die diesem Richteramte durch ausgedehnten Besitz die nötige Grundlage an Macht und Einfluss geben konnten.
Zu Beginn des 12. Jahrhunderts waren in und um Beeck die Herren von Hochstaden-Wickrath reich begütert.
Sie werden so zu dieser Zeit auch die Gerichtsherren von Beeck gewesen sein und werden aus einer alten Gaugrafenfamilie herstammen.
1268 sind die Herren von Stecke Richter und Amtsmänner und Herren des Hauses Knyp,
Burkhard Stecke (“von Holte” = von Holten) Richter in der “Herrlichkeit” Beeck.
1338 übertragen sie ihre Gerichtshoheit als Lehen der Grafschaft Dinslaken unter den Grafen von Cleve (Mark).
Diese besitzen das Kirchspielsgericht und die Amtsmannschaft. Der als Hofrichter an der Spitze stehende Schultheiß
(Schulte) wird mit den Hofgeschworenen vom Vogt ernannt. So bleibt der Hof unabhängig von dem später entstehenden,
für den übrigen Amtsbezirk geltenden Kirchspielrecht.
Bei den häufigen Fehden zwischen den Großen des Landes können die Beecker ihr Hab und Gut
nicht hinter schützenden Stadtmauern in Sicherheit bringen.
Im Jahr 1340 brandschatzt Heinrich von Gemen den Ort und auch am 29. Juli 1446 rechnet Herr Johann von Gemen
mit dem Erzbischof Dietrich von Mörs durch „Brennen“ in Beeck ab,
nachdem sich die Kölner an der Duisburger Stadtmauer („Verlörkesbrücke“) blutige Köpfe abgeholt haben.
Wie kompliziert die Besitz- und Abhängigkeitsverhältnisse zu dieser Zeit sind,
mag am Beispiels des Kötters Lockermann erläutert sein, eines Webers,
der seine Hausstelle westlich des Oberhofes hatte: sein Besitz -2 Kotten, 2 (holländische) Morgen, 320 Ruten groß- war „dreiherrig“.
Die Hausstelle war ursprünglich von der Familie Stecke (Haus Knipp, dann Landesherr) abhängig.
Für den 1341 an die Walsumer Kommende geschenkten Garten war dorthin zu zinsen,
außerdem hatte der Aufsitzer von der Beecker Kirche Grundstücke in Nutzung.
Im März 1407 erwirbt die Münsterkirche zu Essen für 250 Gulden die Vogteirechte aus dem Hofe Beeck.
Auf dem Oberhof wird seit etwa 1460 (urkundlich seit 1539) am letzten Wochenende im August Gericht gehalten:
die Kirmes (“Kirchspielmesse”) findet ihre Ursprünge.
Aus dem Hof ist ein Kirchdorf mit den abhängigen Bauernschaften Laar, Stockum, Alsum mit Schwelgern
und Bruckhausen geworden. An der Emscher liegt jetzt die Wasserburg Haus Hagen,
auf dem Beecker Werth, direkt am Rhein, das Haus Knyp.
Als der Rhein im Jahr 1571 Haus Knyp verschlingt, wird für Beeck und Ruhrort ein gemeinsamer Richter in Ruhrort bestellt,
ohne dass die Geschäftsverwaltung vereinigt wird: jeder Ort behält seine besonderen Scheffen,
die mit dem Richter die Verwaltung führen.
Meist werden die Inhaber der bedeutenden Höfe des Kirchspiels zu Schöffen bestellt;
dem Beecker Schöffenkollegium gehören im allgemeinen sechs Männer an,
die ihr Amt auf Lebenszeit bekleiden. Die “Häuser” aber auch die Bauernhöfe wechseln immer wieder den Besitzer.
Das sind die Grafen von Cleve, die Klöster von Mülheim, Hamborn oder Essen;
das sind die Familien der Hagen, der Stecke und der Mylendonk.
Die Höfe mit Mensch und Vieh werden verpfändet oder verkauft,
wenn Schulden zu bezahlen oder Kriegsdienste zu belohnen sind.
Für die hörigen Bauern ändert sich dadurch meistens nichts.
Ansonsten ist auf den Wegen zwischen Beeck, Ruhrort und Meiderich nicht viel los.
Die meisten Menschen unterwegs müssen zum Gericht, das auch Verwaltungsstelle ist und die Abgaben kassiert,
oder zur Kirche, oder sie treffen Verwandte. Werktags sind die Bauern auf dem Weg zur Mühle oder aufs Feld;
sie treiben Vieh auf den Markt am Oberhof. Das schnellste Verkehrsmittel ist das Pferd.
Wer keins besitzt, darf für ein paar Heller zu einem Fuhrmann oder Bauern auf den Wagen steigen.
Das Spazierengehen ist noch nicht erfunden, jeder Gang ist mühsam und hat seinen Zweck,
die Straßen und die Zeiten sind unsicher. Auf einer Durchgangsstraße ist mehr los:
da gibt es Planwagen und Reisewagen, Berittene und fahrendes Volk, Handwerksburschen, Vagabunde und Schnapphähne.
Mit ihnen kommen die Nachrichten ins Land von Martin Luther und dem Kaiser und vom Krieg um die Niederlande.
Im 16. Jahrhundert gibt es auch hierzulande einen erbitterten Streit um den rechten Glauben.
Mit Billigung der Herren von Cleve und Mylendonk werden die Beecker,
die Meidericher und die Ruhrorter 1547 allesamt Reformierte.
Allerdings sind noch 1624 Kirche und Vikarie in Beeck unter Pfarrer Vitus Kemmerling katholisch.
Der Erzbischof von Köln und die Äbtissinnen von Essen und Gerresheim müssen letztendlich aber klein beigeben.
Die wenigen Katholiken müssen sich an die Abtei in Hamborn halten.
Auch im sogenannten Truchsessischen Krieg 1583/84 wird in Beeck gebranntschatzt,
vor allem durch den Söldnerführer Martin Schenk von Nideggen.
Der Kurfürst von Brandenburg als Nachfolger der clevischen Herzöge Besitzer der Landeshoheit kann nicht helfen.
Die Leute vergraben ihr Geld in Erdverstecken, um nicht beraubt zu werden – aber werden umgebracht.
1598 rücken spanische Truppen aus Orsoy über eine von ihnen gebaute Brücke auf das rechte Rheinufer
vor und bemächtigen sich der dortigen Orte. Nacheinander durchziehen Kroaten,
Pappenheimer und Hessen das geplagte Land. 1623 wird auf Margarethen-Tag kein Gericht gehalten,
weil im Dorf Beeck und umher königliches Kriegsvolk liegt.
1647 erscheinen wegen des Auflaufs der Kriegsleute nur wenig Hofgeschworene.
1658 wird die alte Hofanlage Oberhof ein Raub der Flammen. Das Dorf Beeck wächst sehr langsam.
Im September 1660 wird auf Anweisung der Regierung in Kleve für das Amt Beeck eine
„Aufnahme der Ländereien und Güter“ mit Verzeichnis der darin 240 Lebenden angefertigt.
Das sind wohlhabende und ärmliche Bauern, besitzlose Mägde und Knechte.
Das ist ein Pfarrer, ein Lehrer, ein Wirt, ein paar Handwerker und Händler.
Sie wohnen in 38 Häusern oder Hütten. Das heutige Gebäude Oberhof wird 1665 errichtet,
zu ihm gehören jetzt einige Höfe und Kotten, er erhebt von den Grundstücken in der Umgebung den Zehnten.
An seinen Besitz ist das Patronat der Kirche geknüpft.
Wiederholt wird der Ort von Wassersnot und Viehseuchen heimgesucht.
Und das Kriegselend hört auch 1648, nach Ende des 30-jährigen Krieges, nicht auf:
die Franzosen unter Ludwig XIV. unternehmen Raubzüge gegen Holland und Deutschland.
1672 wird die Kirche in Beeck geplündert. Im 17. und 18. Jahrhundert sprechen Schöffengerichtsurkunden
vom “Landgericht Beeck”. 1727 hat der Ort nach der Kartierung von Theodor Bücker 15 Höfe
(oder 16, wenn man die Pastorei dazu rechnet): Hasseltshof, Nattenberg, Neyenhuis, Leenhof, Kerkhoff, Pootmann,
Derick und Henrik Neyenhuis, Ostricks, Brughmann, Heister, Kopmann, Bongers, Haafsche Hof,
Waldalfs Hufen und abseits an der Emscher gelegen Rönsbergshof).
1740 richtet eine gewaltige Überströmung und schwerer Eisgang große Verheerungen am Emscherufer an.
Das Landgericht hält auf dem Oberhof seine Sitzungen ab, am 3. Oktober 1753 hebt König Friedrich II. per Erlass
das Richteramt Beeck auf, das sich mittlerweile Landgericht Beeck nennt,
und teilt es dem neuen Landgericht Dinslaken zu.
Im Siebenjährigen Krieg 1756-1763 müssen die Beecker Unterhalt für die fremden, französichen Soldaten
in Form von Fouragelieferungen leisten.
1786 übergibt der König von Preussen als Nachfolger der Grafen und Herzöge von Cleve-Mark Vogt
des Stiftes die Ernennung oder Bestätigung eines neuen Hofrichters (Schultheiß) dem Kirchspielrichter.

1797 hat der Ort etwa 340 Einwohner, die in 64 Wohnhäusern leben. Diese Häuser sind fast alle aus geteertem Eichen-Fachwerk und roten Backsteinen,
die an der Emscher gebrannt werden, oft zwei Stock hoch und nummeriert. Die Bauern leben in einstöckigen Fachwerkhäusern mit grüngestrichenen Blenden,
die Dächer sind mit Stroh, einige schon mit roten Dachziegeln gedeckt. Außer den Bauern und Köttern, dem Pastor, dem Lehrer, dem Steuereinnehmer und dem Gastwirt gibt es Bäcker und einige Spezerei- und Kleinhändler. Es gibt Viehhändler, Sattler, Schmiede, Zimmerleute, Schreiner und Maurer, die Handwerker arbeiten oft als Tagelöhner bei den Bauern, wenn man sie nötig hat. Hauptsächlich aber ernähren sich die Menschen von Ackerbau und Viehzucht, letztere vorwiegend im Beecker Werth, Feld- und Gartenfrüchte werden angebaut, man zieht Obst in von Hecken eingefriedeten Gärten. Das Land, das die Bauern bewirtschaften, ist nur zu einem geringen Teil ihr Eigentum, es gehört der hohen Herrschaft, dem König, dem Adel oder der Kirche.  Holz ist nur wenig vorhanden, die Steinkohlen zum Brennen werden aus den Magazinen in Ruhrort geholt. Der ganze Ort ist reformiert, es leben nur wenige Katholiken darin.
Wer aus dem großen Kirchspiel nach Beeck kommt, kann hier alles Nötige besorgen und auch einkehren, bevor er den Heimweg antritt. Die meisten Wege sind unbefestigte Feldwege, zerfurcht von den Pferdewagen und mit Gras bewachsen. An den Landstraßen geben Obstbäume Schatten.
Mit Duisburg haben die Leute wenig im Sinn, der Weg dorthin ist weit, die Emscher und die Ruhr müssen mit Fähren überquert werden.

 

Durch den Vertrag von Schönbrunn 1806 gerät Beeck unter französische Herrschaft.

Am 11. Mai 1806 wird von Murat die Aufhebung der Abtei Hamborn verfügt. Aus den Aufstellungen des Abtes Karl Adalbert von Beyer ist der Land- und Gutsbesitz erkennbar, der sich über das gesamte Amt Beeck in die Bauernschaften Laar, Stockum, Beeck, Alsum, Bruckhausen, Marxloh und Buschhausen erstreckt.

 

1808 werden Ruhrort mit Meiderich zu einer Mairie verbunden, ebenso Beeck mit Holten und Hamborn.

 

1812 gibt es einen heftigen Streit zwischen dem Bürgermeister von Beeck-Holten, Friedrich von Meurs, und seinem Duisburger Kollegen, als dieser die Angehörigen des Amtes zu Lasten für Napoleons durchziehende Armee heranziehen will.

 

1813 treiben Kosaken als Befreier aus der französischen Herrschaft erneut Tribute ein.

 

Im unruhigen Frühjahr 1848 wird in Beeck-Holten - Holten ist von 1830-1858 Amtssitz des Bürgermeisters – eine verfassungstreue Bürgerwehr gebildet, um „Angriffe fremden Gesindels ernst zurückzuweisen“. Aber die aus dem Weseler Depot gelieferten Gewehre werden erfreulicherweise nur zum Exerzieren gebraucht.

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